WURMSBACH – Im Rahmen einer Teamweiterbildung schlüpfen Lernbegleiter:innen des Talent-Campus Zürichsee im Lernatelier in unterschiedliche Lernpartner-Typen, um sich in deren Bedürfnisse einzufühlen. Ein erkenntnisreicher Perspektivenwechsel.
Talent-Campus Zürichsee, Lernatelier mit Seesicht, Donnerstagmorgen. Nach einer kurzen Einführung in Idee und Funktionsweise des Lernateliers folgt ein Selbstversuch: Die Teilnehmenden ziehen neurodiverse Rollen, suchen im Lernatelier einen passenden Arbeitsplatz und bearbeiten dort Vertiefungsaufgaben. Ziel des Simulationstrainings ist es, sich in unterschiedlichste Lerntypen und deren Bedürfnisse einzufühlen: in die Perfektionistin, den Sinnsuchenden, die Socializerin, den Bewegungstypen, die Multitaskerin und viele mehr.
Vielfalt an Bedürfnissen
A sichert sich einen Fensterplatz, taucht sofort in die Arbeit ein und fragt bei der LA-Begleitung mehrmals nach, schliesslich soll alles korrekt und vollständig sein. Zwei Tische weiter sitzt B. Sie nutzt jede Gelegenheit, um aufzustehen, C aufzusuchen und mit ihr zu tuscheln. C wiederum sucht ihre Kopfhörer und fühlt sich von allem abgelenkt, was sich bewegt oder Geräusche macht: vom Ventilator ebenso wie von der vorbeigehenden LA-Begleitung. D lässt all das kalt. Tiefenentspannt liegt er in seinem Sessel, die Füsse auf dem Tisch, die Motivation für die geplante Vertiefung in weiter Ferne.
Kleine Reize, grosse Wirkung
Zurück im Inputraum werden die Erfahrungen gemeinsam ausgewertet. Obwohl die Atmosphäre im Lernatelier objektiv als ruhig bis angenehm wahrgenommen wurde, fühlen sich mehrere Lernbegleiter gestresst und haben Mühe, sich zu konzentrieren. Schon kleinste Reize wirken störend. Ein Geräusch, eine Bewegung, ein kurzer Blickkontakt. Oft reicht wenig, um den Fokus zu verlieren. Deutlich wird auch: Viele Lernende möchten in ihrem Lernprozess weder unterbrochen noch beobachtet werden. Selbst gut gemeintes Nachfragen kann als Störung erlebt werden.
Nonverbale Präsenz
Das wichtigste Fazit des Versuchs: Die Lernbegleitung im Lernatelier ist weit mehr als blosse Präsenz. Sie trägt wesentlich zur Lernatmosphäre bei, oft mit nonverbalen Mitteln, durch Haltung, Timing und feines Gespür. Gefragt ist die Fähigkeit, Ruhe zu ermöglichen, Orientierung zu geben und Einstiegshilfen dort anzubieten, wo sie ausdrücklich erwünscht sind. Und den Raum in stiller Präsenz zu halten.
SBW Lernatelier
Das Lernatelier ist seit anfangs 80er-Jahre eine tragende Säule im pädagogischen Konzept der SBW. Als Gegenpol zum klassischen Unterricht schafft es Raum für selbstgesteuertes und individuelles Lernen. Lernpartner:innen setzen sich eigene Ziele, planen Lösungswege und wählen passende Methoden. Lernbegleitende stehen bei Fragen, für Coachings und zur individuellen Unterstützung zur Verfügung. Das Konzept des Lernateliers hat sich inzwischen auch an vielen öffentlichen Schulen etabliert.